Politiker
sehen in Ortsumgehungen keinen Ersatz für Autobahn -
Paul Breuer: Fernverkehr vor der Haustür wird nicht durchsetzbar
sein
Siegen-Wittgenstein. (sw) 1964 begannen die Länder Nordrhein-Westfalen und Hessen, über das künftige Schicksal der 1936 abgebrochenen Autobahnplanung zu beraten. Landrat Walter Nienhagen erinnerte an diese Zusammenkunft vor 35 Jahren in Berleburg, als er die Anhörung zur A-4 Machbar- keitsstudie eröffnete. Dort wurde klar, daß diese Geschichte so bald nicht zu Ende geschrieben wird.
Dr. Konrad Stocker, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft von vier Gutachterbüros, formulierte das Fazit der Studie: Ein Autobahnbau werde für die Region 'sehr deutlichen Nutzen' haben, sei aber 'aus Sicht von Natur und Landschaft nicht vertretbar'. Die Gutachter stünden damit 'vor einem Konflikt, den wir nicht auflösen können'. Das taten in der anschließenden Anhörung anderei Franz-Josef Mockenhaupt, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK, warb für eine Entscheidung für die Autobahn, und Bernd Ketteniß, Leitender Ministerialrat im NRW-Verkehrsministerium, riet zu einer Bundesstraßen Ersatzlösung (die WR berichtete).
Gemeinden
nahmen nicht Stellung
Paul
Breuer, CDU-MdB und Vorsitzender des Kreisver-kehrsausschusses, war
es, der in den achtziger Jahren der Ortsumgehungskette im Zuge von
B 508 und B 62 den Namen ,,FELS" (Ferndorf-Eder-Lahn-Straße)
gegeben hatte.
Diese, so Breuer, bleibe unabhängig von der A 4 notwendig, könne
sie aber nicht ersetzen. Wenn überregionaler Verkehr 'vor die
Haustüren' der Menschen gebracht werde 'wird die Durchsetzbarkeit
gegen Null geführt'. Bernd Ketteniß widersprach: An den
Lärmschutz der Städte werde gedacht, im übrigen gehe
es überwiegend um regionalen Verkehr. 'Es sind dann keine Fremden,
die an Ihren Haustüren vorbeifahren.'
Der Hilchenbacher SPD-Kreistagsabgeordnete Karl Ernst Schneider wiederholte
das Nein seiner Stadt zu einer B-508-Ortsumgehung, die dort größeren
ökologischen Schaden anrichte als die Autobahn. 'Das haben wir
nicht aus Sturheit gemacht.' Aussichtslos sah die CDU-Kreistagsabgeordnete
Anne Schmidt den Fall für Bad Laasphe. 'Für die B 62 haben
wir über 20 Trassen untersucht.'
Wilhelm Kamieth, Kreistagsabgeordneter der CDU, störte sich an
dem unentschiedenen Fazit des Gutachtens: 'Schlicht und ergreifend
Wischi-Waschi.' Nicht berücksichtigt sei bei den Süd-Varianten,
die einen A-4-Beginn statt in Olpe 30 Kilometer weiter südlich
bei Wilnsdorf vorsehen, der Aufwand für den dann nötigen
Ausbau der stärker belasteten A 45. Dr. Stöcker korrigierte:
Er habe auf das Problem der dann 70 000 Fahrzeuge auf der A 45 hingewiesen.
'Aber hier steht nichts von einem sechsspurigen Ausbau der Siegtalbrücke.'
'Sie ignorieren seit Jahren den Willen der Region', warf Erndtebrücks
Bürgermeister Heinz-Josef Linten (CDU) dem Vertreter des Landes
vor. Bernd Ketteniß entgegnete, daß die Region sich zu
den Erkenntnissen der Machbarkeitsstudie noch gar keine Meinung gebildet
habe. Der Sprecher der Hauptgemeindebeamten, Wilnsdorfs Bürger-meister
Karl Schmidt, hatte gleich zu Beginn abgewunken: Gebraucht werde ein
mit allen Kommunen abgestimmtes Votum. 'Das kriegt man nicht innerhalb
einer. Woche.' Den Vortrag einzelner Städte mochte Landrat Walter
Nienhagen (SPD) nicht zulassen.
Ottmar Gontermann (SPD) interessierte sich bereits für die Sicherheit
der in den vier Varianten vorgesehenen Tunnelbauwerke. 'Das kann man
mit dem Tauern- und Mont-Blanc-Tunnel nicht vergleichen', sagte Dr.
Konrad Stöcker. Die A-4-Tunnel würden mit zwei Röhren
und 'Querschlägen' gebaut, die ein Überwechseln im Notfall
erlaubten.
Zwei
FFH-Gebiete auf den Trassen
So
weit sahen die angehörten Gäste das Vorhaben indes noch
nicht. Gutachter Dr. Dieter Günnewig verwies auf zwei bereits
von den Ländern nach Brüssel gemeldete FFH-Schutzgebiete,
die 'Risiken' für die Planfeststellung bedeuteten. Er rechne
damit, daß der künftige Bundesfernstraßenbedarfsplan
höhere Nutzen-Kosten-Verhältnisse als früher verlange,
sagte Bernd Ketteniß. Nach der Machbarkeitsstudie ist die A
4 doppelt so teuer wie im Bedarfsplan von 1994, der errechnete Ertrag
dafür aber auch fünf Mal so hoch wie der Aufwand. Damit,
so Ketteniß, 'kommt die A 4 vielleicht wieder in den vordringlichen
Bedarf, aber ganz unten.'
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