Verkehrsclub für eine umweltverträgliche Verkehrspolitik

Stellungnahme der IHK-Siegen zur Machbarkeitsstudie zur A4

Verkehrsclub zur A4-Studie: Thesen wurden nicht hinterfragt

Die vorliegende, im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums erstellte Studie zur A4 kommt zu dem Ergebnis, "dass ein Autobahnbau im Planungsraum aus ökologischer Sicht [.] nicht vertretbar ist." Sehr bedenklich findet der VCD  das Vorgehen einiger Lobbyisten, die sich über diese Umweltbedenken hinwegsetzen. Wenn eine Maßnahme aus bestimmten Gründen nicht vertretbar ist, dann kann sie andere noch so große Vorteile mit sich bringen, sie bleibt trotzdem nicht vertretbar.

Der ökologisch ausgerichtete Verkehrsclub Deutschland sieht sich durch die Machbarkeitsstudie in seiner Auffassung bestätigt: der Bau der A4 muss nach vorliegender Sachlage abgelehnt werden. Er hält weitere Planungen in Sachen 'A4' für eine Verschwendung von Steuergeldern. 

Immer wieder wurden beeindruckende Zahlen über die durch die A4 möglich werdende Zeitersparnis präsentiert. Doch wie viele Menschen tatsächlich Nutznießer davon sein werden, sagt niemand. "98% aller Pkw-Fahren sind kürzer als 50 km, 85% der Tonnage wird im Güternahverkehr gefahren." Wir wüssten gerne, wie viele Fahrzeuge heute beispielsweise auf der angeführten Relation zwischen Köln und dem Wartburgkreis unterwegs sind? 

"Handelt es sich um 1.000, 100 oder nur um 10 Fahrzeuge am Tag, die 30 Minuten (Personenverkehr) bzw. 50 Minuten (Güterverkehr) Zeit gegenüber der heutigen Fahrstrecke einsparen können?" fragt sich das VCD-Vorstandsmitglied und Verkehrsplaner Thomas Reincke Zumindest eine Erhebung, wie viele derjenigen Fahrzeuge, die sich am Dreieck Olpe auf der A4 befinden, wieder am Hattenbacher Dreieck auftauchen, hätte gemacht werden müssen. "Das Gutachten hat mehr als eine Million DM gekostet. Da kann man so etwas eigentlich erwarten," so Walder. In der Vergangenheit spukten astronomische Zahlen der Fahrzeuge, die den Umweg über Gießen nehmen müssten durch die Medien. Doch die Studie beziffert die Entlastung der A 45 zwischen Wilnsdorf und Gießen durch den Weiterbau der A4 nur auf ca. 2.000 bis 3.000 Fahrzeuge täglich.

"Bei einer Summe zwischen knapp vier bis über fünf Milliarden Mark für den Neubau eines einzigen Autobahnabschnittes kann einem schwindelig werden," findet der VCD-Kreisvorsitzende Achim Walder. "Warum werden immer noch neue Straßen gebaut, wenn das Geld nicht einmal ausreicht, um die vorhandenen Straßen zu erhalten?" Übrigens haben sich die prognostizierten Kosten der durch das Rothaargebirge führenden A4-Varianten in nicht einmal 10 Jahren mehr als verdoppelt! Im Bundesverkehrswegeplan wurden die Kosten der Maßnahme 1992 noch mit 2,2 Milliarden Mark beziffert. 

Auch bei der Betrachtung des Nutzens bleiben für den Verkehrsclub Fragen offen. Der Kosten/ Nutzen- Koeffizient ist gegenüber den früheren Betrachtungen weiter gestiegen. Wenn sich trotz doppelt so hohen Baukosten (wofür es nachvollziehbare Gründe geben kann, z.B. zusätzliche Brücken) der Kosten/ Nutzen- Koeffizient weiter steigt, bedeutet das einen um mehr als das doppelte gestiegenen Nutzen. Woher kommt der plötzlich? "Beim kritischen Leser der Studie stellt sich die Frage, ob diese Zahle n nicht einer gewissen Beliebigkeit unterliegen," so Walder. 

Für den NRW-Abschnitt der A4 wird ein Fahrzeugaufkommen von rund 20.000 Fzg/Tag prognostiziert. Der normale vierstreifige Autobahn ist nach den entsprechenden Richtlinien für ein tägliches Fahrzeugaufkommen zwischen 20.000 und 70.000 Fzg/Tag geeignet. Auf mehreren vierstreifigen Autobahnabschnitten in NRW wird sogar ein Fahrzeugaufkommen von mehr als 100.000 Fahrzeugen pro Tag bewältigt. Dagegen gibt es nur wenige Abschnitte auf fertiggestellten Autobahnen in NRW, die ähnlich schwach ausgelastet sind, wie es der A4 durch das Rothaargebirge bevorstehen könnte. Nach Ansicht des VCD wäre eine zweibahnige Bundesstraße mit zusätzlichem Überholstreifen bergauf zur Bewältigung dieses Verkehrsaufkommen völlig ausreichend. Auch hier muss noch gefragt werden, woher diese Fahrzeuge kommen sollen, denn die heutigen Bundesstraßen weist ein deutlich geringeres Verkehrsaufkommen auf.
 

Siegen, 17. Juni 1999

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