Verkehrsclub für eine umweltverträgliche Verkehrspolitik
Bäderexpress bleibt streckenweise ein Geisterzug
Zweckverband läßt Wagen den größten Teil der Strecke von Marburg nach Bad Berleburg leer fahren
Presseartikel aus Siegener Zeitung vom 02-10-1996 (Mark)
Bad Berleburg. Der Bahnhof der Odbornstadt ist nicht unbedingt ein Schmuckstück. Niemand verweilt auf seinen Steigen länger als unbedingt nötig. Gestern um 7.29 Uhr war das anders:
Der Arbeitskreis Schienenverkehr Südwestfalen erwartete einen ganz besonderen Zug, den ersten nämlich, der von Bad Laasphe nach Bad Berleburg fuhr Grund genug für die Bahnfreunde,
ihn 'Bäderexpress' zu taufen und auf seiner ersten Reise zu begleiten - mit dem Auto allerdings.
Zugführer fährt bis Erndtebrück allein.
Das hatte auch seinen Grund, denn der Bäderexpress hat seine Tücken. Weil es nämlich von der Lahn an die Odeborn gar keinen Schienenstrang gibt, muß er zunächst Erndtebrück
ansteuern. Was aber noch viel schlimmer ist: Er startet in Marburg und darf bis in die Edergemeinde nicht bestiegen werden. Der Zweckverband Westfalen-Süd für den Schienenpersonennahverkehr
hat die Fahrt nicht bestellt, also muß die Deutsche Bahn AG den Zug leer nach Erndtebrück bringen, um ihn dort bereitzustellen. Dieses Spiel wiederholt sich zur Rückreise nach Hessen
gegen 14 Uhr 'Ein Schildbürgerstreich', so Achim Walder in einer Pressemitteilung.
Bad Laasphe schickte den Beigeordneten
Der Kreuztaler Kreis- und Landesverbandsvorsitzende des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) war wie mehrere Vertreter des Schienenverkehr-Arbeitskreises
extra nach Bad Berleburg gekommen, um den Express zu empfangen. Die Stadt Bad Laasphe die ihre Zugverbindung nach Wallau mit 55.000 DM jährlich unterstützt, wurde sogar von
ihrem Technischen Beigeordneten Dr. Heinrich Loske vertreten.
Bahn würde gerne Reisende mitnehmen
Wir würden den Zug natürlich lieber mit Fahrgästen von Marburg nach Erndtbrück bringen, denn das wäre für uns billiger Aber der Zweckverband will das nicht,
weil er dann die Kosten tragen mußte", erläuterte Manfred Pietschmann, Pressesprecher der Deutschen Bahn AG in Essen, auf Anfrage der Siegener Zeitung.
Der Zug kam im schmucken Graffiti-Design
Der mit einigen Minuten Verspätung auf Gleis 3 einrollende Express war besonders fein herausgeputzt. Während er ein großes Namensschild des Arbeitskreises, das einige mitfahrende
Schüler köstlich amüsierte, unmittelbar nach seiner Sekttaufe wieder einbußte wird er an dem todschicken silbernen Graffiti-Design, das ihm am Wochenende in Frankenberg
zugefügt wurde, wohl noch zu tragen haben. Dessen größter Nachteil: Die Sprayer machten auch vor Rückspiegeln und Seitenscheiben des Zugführers nicht halt. 'Die
Bemalung ist ja eigentlich ganz schön', befand das Bad Laaspher Arbeitskreis-Vorstandsmitglied Otto Wunderlich, 'aber für ihre Entfernung gibt die Deutsche Bahn jetzt wieder
150.000 DM aus.'
Neues Kapitel der Eisenbahrigeschichte
Der Bad Berleburger stellv. Arbeitskreis-Vorsitzende Dr. Hartwig Bajer lobte den Bäderexpress als 'neues Kapitel der Wittgensteiner Eisenbahngeschichte'. Wenn er auch durchgehend benutzt
werden könnte, würden 'vorzügliche Anbindungen an den Fernverkehr im Rhein-Main- und Rhein-Ruhr-Gebiet ermöglicht'. Der Zug wäre dann 'eine wertvolle Bereicherung
für Bevölkerung, Tourismus und Bäderlandschaft'. So sei es zum Beispiel vorstellbar, künftig Rehabilitationspatienten von den Marburger Universitätskliniken 'schneller,
sicherer und kostengünstiger' nach Bad Berleburg zu bringen.
2,2 Mill. DM sind noch verfügbar
Der VCD griff in einer Pressemitteilung den heimischen Zweckverband für den Personennahverkehr auf der Schiene heftig an. Er habe zum Fahrplanwechsel keine zusätzlichen Reisemöglichkeiten
bei der Deutschen Bahn AG bestellt. Überdies forderte der Verkehrsclub den Verband erneut auf, das Geld, daß er vom Land Nordrhein-Westfalen für die Ausgestaltung des Nahverkehres
erhalten habe, auch fristgerecht zu verwenden. Zur Disposition stünden noch 2,2 Mill. DM.
Berleburg am Wochenende anbinden
Davon sollten 400.000 DM für Zugleistungen auf den Verbindungen von Dillenburg nach Siegen, von Betzdorf über Neunkirchen nach Haiger sowie von Wallau nach Bad Laasphe verwendet
werden. Für weitere 400.000 DM könnten werktags sechs Züge zusätzlich und samstags und sonntags je zwölf Züge zwischen Erndtebrück und Bad Berleburg fahren.
200.000 DM sollten schließlich für zwölf Züge zwischen Erndtebrück und Bad Laasphe aufgewendet werden.
Behindertengerechte Wagen kaufen
Weitere Anliegen des VCD seien der Ausbau Erndtebrücks zur Drehscheibe des
Öffentlichen Personennahverkehres in Wittgenstein die Anschaffung behindertengerechter Wagen und ein Ende des täglich voranschreitenden Gleisabbaus.
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